Tiere bewegen: Fazit einer Lesung mit Schäferin Ruth Häckh und Biobäuerin Anja Hradetzky

Ruth Häckh und Anja Hradetzky

Nutztierhalter sitzen in der Klemme: Auf der einen Seite sind die Erträge für ihre Produkte minimal, auf der anderen Seite haben Verbraucher steigende Ansprüche an das Tierwohl.

Und trotzdem ist es zu schaffen, wie zwei Autorinnen bei einer Lesung am 25.02. auf dem Hofgut Oberfeld in Darmstadt mit viel Engagement und vor einem sehr interessierten Publikum darstellten.  

 Ruth Häckh ist Schäferin in vierter Generation und seit 2009 Bioland-Schäferin. In ihrem Buch „Eine für alle – Mein Leben als Schäferin“ beschreibt sie, warum sie Bio(land) Schäferin ist. Es geht ihr um das Gesamte, das Wirtschaften im Einklang mit der Natur. Der Biolandbau erhält die biologische Vielfalt von vielen Pflanzern- und Tierarten, in der Bio-Landwirtschaft werden Tiere artgerecht gehalten, Weidegang und die damit verbundene Förderung der Humusschicht des Bodens sind von zentraler Bedeutung. Es wird auf standortangepasste Rassen, die mit den natürlichen Bedingungen gut zurechtkommen, Wert gelegt.

Für ihre Schafhaltung haben sich durch die Umstellung auf „Bio“ kaum Änderungen ergeben, die klassische Wanderschäferei wirtschaftet von Natur aus ökologisch und klimafreundlich.

Im Kapitel „Kamele in Rajasthan“ berichtet sie über eine Reise zum indischen Camel-Culture-Festival, das von den indischen Raika Kamelhirten veranstaltet wurde. Sie ist fasziniert von deren selbstverständlicher Freundlichkeit und von ihrem zufriedenen, fröhlichen Leben in enger Verbindung zu ihren Tieren und zur Natur. Auf dieser Reise wurde ihr bewusst, dass Hirten in aller Welt die Aufgabe haben, für den Erhalt von Lebensgrundlagen und Lebensräumen einzustehen.

Anja Hradetzky aus Stolzenhagen in Brandenburg ist Autorin des Buches „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde“ und hat es geschafft, zusammen mit ihrem Mann, ohne finanzielle Mittel einen Biobauernhof mit Milch- und Fleischrinderhaltung aufzubauen.

Bei ihrer Lesung erzählte sie von der Methode der stressarmen Arbeit mit Rindern, dem „Low Stress Stockmanship“, die sie bei ihrem Aufenthalt auf kanadischen Farmen gelernt hat. Es geht darum, die Bedürfnisse der Rinder zu kennen und sich ihrem Wesen entsprechend zu verhalten und zu bewegen. Man braucht kein lautes und aggressives Auftreten, um eine Rinderherde zu treiben und um Tiere bei Bedarf von der Herde zu separieren. Man muss den Rindern deutlich machen, dass man kein „Raubtier“ ist, dass sie einem vertrauen können, dann lassen sie sich in die gewünschte Richtung dirigieren. Wichtig bei der Haltung von Rindern und Kühen ist es zudem, dass die Tiere von klein auf an den Menschen gewöhnt sind und artgerecht mit genügend Auslauf und Sozialkontakt zu Artgenossen gehalten werden. Das Hüten der Tiere verlangt vom Menschen viel Verantwortungsbewusstsein, was bei Anjas Schilderung eines gefährlichen Viehtriebs in direkter Nähe zu einem kanadischen Highway sehr deutlich wird.

Anschließend las sie darüber vor, wie sie und ihr Mann mit Hilfe von sogenannten „Genussscheinen“, die Unterstützern, als Gewinn Anteile von den erwirtschafteten Naturalien, in diesem Falle Fleisch und Milchprodukte bietet, einen kleinen Rinderbestand kaufen konnten, der seitdem beständig gewachsen ist. Das Weideland konnten sie in einem Naturschutzgebiet dessen Landschaft durch die Rinder und Kühe nachhaltig gepflegt und offengehalten wird, günstig pachten. Die Rinder werden ganzjährig draußen gehalten. Durch die Wahl von ursprünglichen, robusten Rassen (z.B. Original Allgäuer Braunvieh und Anglerrinder, die zudem Zweinutzungsrassen sind!) kommen die Tiere gut zurecht und liefern gesunde Nahrungsmittel, die über den Hof Stolze Kuh direkt vermarktet werden. Ein weiterer sehr positiv zu erwähnender Ansatz ist die Kuhgebundene Kälberaufzucht.

Das Fazit des Abends war, dass es möglich ist und sich lohnt, für Ideale in der Tierhaltung einzustehen und unkonventionelle Wege zu gehen.

Die Lesung wurde im Rahmen eines aktuellen Misereor-Projekts organisiert, in dem die Liga für Hirtenvölker die positiven Aspekte der nomadischen Tierhaltung weltweit darstellt. Denn nur auf diese Weise ist es möglich die 70% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die sich nicht für den Ackerbau eignen, ressourcenschonend und tierfreundlich zu bewirtschaften.

Weiterlesen Tiere bewegen: Fazit einer Lesung mit Schäferin Ruth Häckh und Biobäuerin Anja Hradetzky

SAVE THE DATE: 25.02.2020: Literaturveranstaltung mit Ruth Häckh und Anja Hradetzky

Im Gutshaus des Hofgut Oberfeld in Darmstadt

Wir möchten Sie schon jetzt auf unsere Lesung hinweisen, die wir in Zusammenarbeit mit der Initiative Domäne Oberfeld e.V. am 25.02.2020 um 19:30 Uhr veranstalten werden.

Wir freuen uns, dass wir Ruth Häckh und Anja Hradetzky für die Lesung gewinnen konnten.

Ruth Häckh, Schäferin in vierter Generation, beschreibt in ihrem Buch „Eine für alle“ sehr persönlich ihr Glück, mit der Natur und ihren Schafen zu leben, sie schildert aber auch, welche Verantwortung es bedeutet, das ganze Jahr mit der Herde unterwegs zu sein und mit welchen Problemen Schäfer heute zu kämpfen haben.

Anja Hradetzky erzählt, wie sie als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Bio-Bäuerin wurde. Nach ihrem Ökolandbau-Studium arbeitete sie mehrere Jahre auf Farmen in Kanada und bei verschiedenen Ökobetrieben in Europa. Zusammen mit ihrer Familie betreibt sie heute einen ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieb in Stolzenhagen an der Oder und gibt Seminare im stressarmen Umgang mit Kühen.

Beide Autorinnen beschreiben eindringlich ihre Beziehung zu Nutztieren und schildern, wie sie eine artgerechte Tierhaltung im Einklang mit der Natur umsetzen.  Sie zeigen Wege in die Zukunft der Tierhaltung auf und können andere Landwirte und Nutztierhalter inspirieren, neue, individuelle Wege zu gehen! Darüber möchten wir bei dieser Veranstaltung mit ihnen sprechen – wie kann unsere Tierhaltung zukunftsfähig werden?

Weiterlesen SAVE THE DATE: 25.02.2020: Literaturveranstaltung mit Ruth Häckh und Anja Hradetzky

Hofportrait: Der Eichhof in Ober-Ramstadt

PDF zum Herunterladen

Im Rahmen unserer Reihe „Wege in die Zukunft der Tierhaltung“ möchten wir heute den Eichhof in Ober-Ramstadt vorstellen, da wir hier sehr viele unserer Kriterien für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung umgesetzt sehen. Vor unserer Recherche war es uns gar nicht bewusst, dass es einen so nachhaltig und tiergerecht arbeitenden Betrieb ganz in unserer Nähe gibt. Wir haben den für die Tiere verantwortlichen Landwirt Herrn Oliver Schiek getroffen und mit ihm über die Tierhaltung auf dem Eichhof gesprochen.

Herr Schiek ist Landwirt, er stammt ursprünglich aus Lengfeld und ist beim Besitzer des  Eichhofs, Herrn Dr. Klaus Murjahn, der den Hof vor einigen Jahren kaufte und im Sinne von nachhaltigem Umwelt- und Naturschutz umgestaltete, angestellt.

Auf dem Hof, der 50 Hektar Acker- und Weideflächen umfasst, werden Galloway- Hereford- und Angus-Rinder für die Fleischgewinnung jeweils im Herdenverband überwiegend auf der Weide oder in großen Offenställen gehalten. Als besonders tierfreundlich ist die Mutterkuhhaltung hervorzuheben. Die Kälber dürfen für 8 Monate nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben. Die Rinder werden ausschließlich mit Gras und Heu aus eigenem Anbau gefüttert, sie erhalten kein Kraftfutter. Dadurch nehmen sie zwar langsamer an Gewicht zu als Tiere in der industriellen Tierhaltung, die mit Soja und Getreide gefüttert werden, aber ihre Umweltbilanz fällt deutlich positiver aus. Ein durch Soja-Importe verursachter CO2-Ausstoß entfällt, auch werden keine Regenwaldflächen für den Soja-Anbau beansprucht.

Neben den Rindern werden auf dem Hof auch gut 500 Hühner in Freilandhaltung mit zwei mobilen Hühnerställen sogenannten „Hühnermobilen“ gehalten. Durch die mobilen Ställe können immer wechselnde Weideflächen von den Tieren abgefressen werden. Es handelt sich bei den Hühnern zwar nicht um eine Zweinutzungsrasse, die sowohl über gute Legeeigenschaften als auch über Fleischgewicht verfügt, jedoch werden die Hühner, die keine Eier mehr legen geschlachtet und als Suppenhühner verkauft.

Besonders positiv ist uns aufgefallen, dass der Eichhof mit den ungarischen Wollschweinen auch bedrohte alte Haustierrassen in seinem Bestand hält und somit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt dieser Rasse leistet. Das Fleisch dieser Tiere, hat einen hohen Fettgehalt und gilt als besonders schmackhaft. Es kann über den Hofladen des Eichhofs erworben werden. Die „haarigen“, bunten Tiere leben in kleinen Gruppen in Ausläufen mit freiem Zugang zu einem Innenstall. Sie haben Sozialkontakt zu ihren Artgenossen, Möglichkeiten im Schlamm oder Sand zu wühlen und viel Bewegungsfreiheit. Ein weiterer Schweinestall nach neuesten Erkenntnissen artgerechter Schweinehaltung ist in einem Nachbarort von Ober-Ramstadt bereits in Arbeit.

Die großen an den Hof angrenzenden Weideflächen bieten auch einer kleinen Herde von Rhönschafen sowie Enten, Gänsen und einigen Eseln ein natürliches Zuhause.

Nicht nur durch die artgerechte und tierfreundliche Weidehaltung der Tiere, die durch den Erhalt und die Pflege von Grünland auch zum Klimaschutz sowie zum Erhalt der Biologischen Vielfalt beiträgt, sondern auch durch die Gesamtkonzeption des Hofes werden viele wichtige Lebensräume für Tiere und Pflanzen geschaffen. Die Streuobstwiesen etwa oder auch ein kleiner Teich bieten vielen Tieren und Pflanzen Nahrungsvielfalt, Brutmöglichkeiten und Schutz. Diese vielfältigen Lebensräume sind in der intensiven Landwirtschaft häufig verloren gegangen. Unterstützt wird die Gestaltung der unterschiedlichen Lebensräume von Biologen und Ornithologen der Deutschen Wildtierstiftung in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Eichhof ist ein konventionell arbeitender bäuerlicher Landwirtschaftsbetrieb, er hat für seine Produkte bewusst auf Öko- und Bio-Siegel verzichtet, um bürokratische Auflagen zu vermeiden. Doch ist es seinem Besitzer Dr. Murjahn gelungen, „ein Zeichen im Sinne von nachhaltigem Umwelt- und Naturschutz im Grenzbereich eines Industrie- und Gewerbegebietes“ zu setzen.

Für Ober-Ramstadt ist der Eichhof mit seinem Hofladen und dem Café eine große Bereicherung, man kann gute tierische Lebensmittel direkt beim Erzeuger kaufen und vor allem Kinder haben hier die (heute selten gewordene) Möglichkeit, mit Nutztieren in Kontakt zu kommen und sie in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben.

Rein wirtschaftlich trägt sich der Hof nicht selbst, sondern kann nur durch eigene Mittel des Besitzers in dieser Weise existieren. Es ist die Aufgabe der Politik, die landwirtschaftliche Förderung so zu gestalten, dass diese Tierwohl- und Umwelt-gerechte Produktionsweise auf allen Höfen umgesetzt werden könnte.

www.der-eichhof.de

Weiterlesen Hofportrait: Der Eichhof in Ober-Ramstadt

Interview mit der Schäferin Ruth Häckh

(Umschlagfoto: Verena Müller)

Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem gelungenen Buch: “Eine für alle – Mein Leben als Schäferin“.  Sie schildern eindrücklich und sehr persönlich den Alltag und Ihren Lebensweg als Berufsschäferin, die schönen Momente ebenso wie die Probleme und Herausforderungen.

Wie ist die bisherige Resonanz auf Ihr Buch? Welche Rückmeldungen und Fragen Ihrer Leser waren für Sie wichtig?

Schon jahrelang habe ich Geschichten geschrieben und sie in kleinem Kreis veröffentlicht. Da habe ich immer wieder festgestellt, wie gut meine Geschichten über den Schäferalltag und das Schäferleben auch bei Nichtschäfern ankamen.

Bei mir selber war ich oft erstaunt, dass wenn ich eine Geschichte nach langer Zeit nochmal gelesen habe, sie nichts von ihrer Präsenz und Spannung verloren hatte, auch wenn ich sie schon kannte, ja sogar selber geschrieben hatte.

Beim Buch war es total spannend zu hören, dass es für jeden Leser, für jede Leserin etwas anderes war, was ihm oder ihr gefallen hat und wovon er fasziniert war.

Wenn niemand mehr Tiere essen würde, gäbe es keine mehr. Auch die artgerecht gehaltenen würden verschwinden…“ (S. 277)

Sie haben auf Ihrem Hof ein Schlachthaus und schlachten Ihre Tiere selbst, auch wenn dies sachlich betrachtet ganz klar die tierfreundlichste Methode der Schlachtung ist, wie kommen Sie emotional damit klar, die Tiere zu töten? Ein Verdrängen, wie es vermutlich die meisten von den Nicht-Veganern tun, die Fleisch essen, ist in dieser Situation sicher schwierig, oder?

Zum einen bin ich damit aufgewachsen, dass Tiere geschlachtet werden, das war in meiner Kindheit ganz normal, nicht nur die Hammel sondern auch mal eine Sau, also von daher war es nichts Besonderes.

Zum anderen ist das ja mein Verdienst, ohne Lämmer zu schlachten und zu verkaufen könnte ich nicht leben. Als ich mit der Schafhaltung angefangen habe, konnte man noch davon leben. Heute gibt es viele Gelder ja auch von der Landschaftspflege.

Nun könnte ich ja trotzdem, anstatt die Lämmer selber zu schlachten sie an einen Händler verkaufen, der sie auf einen LKW lädt und lebend vom Hof fährt.

Ist das aber wirklich besser??? Sie stehen für Stunden auf dem LKW, werden über hunderte Kilometer zum nächsten großen Schlachthof gefahren, stehen da noch über Stunden, oder gar über Nacht. Womöglich in einem Wartestall neben Schweinebuchten mit dem ohrenbetäubenden angstvollem Gequieke der Schweine. Sind vor Angst völlig außer sich.

Will ich das meinen Lämmern antun, wo ich mich, solange sie bei mir waren, alles nur Erdenkliche getan habe, damit es ihnen gut geht??? Liegt es da nicht auch in meiner Verantwortung, sie in der letzten Stunde zu begleiten und darauf zu achten, dass sie weder Angst noch Stress haben?

„Wie kannst Du nur Fleisch von einem Tier essen, das Du gekannt hast?“ Werde ich immer wieder gefragt. Wie kann man Fleisch von einem Tier essen, das man nicht gekannt hat? Von dem man nicht weiß, wie es gelebt hat? Welches Futter es bekommen hat? Wieviel Medikamente? Ob es sich jemals mit Artgenossen unter freiem Himmel bewegen konnte, oder eng in dunklen Ställen mit Kunstlicht eingesperrt war? Man geht mit seinem Haustier spazieren, schaut, dass es alles hat, was zu seinem Wohlbefinden beiträgt, doch beim Schnitzel im Teller ist es nur wichtig, dass es billig ist. Wieso ist das Leben und Wohlbefinden einer Tierart so viel mehr wert, wie das einer anderen? Wieso maßt sich der Mensch das an? „Wie kann man nur?“ Wenn jeder, der Fleisch essen wollte, die Tiere auch selber schlachten müsste, sähe unsere Welt ganz anders aus.

Was könnte gemacht werden, um das Wandern der Schäfer wieder besser zu ermöglichen? Wie kann das Überleben des Berufs unterstützt werden?

Das mit dem Wandern ist eine ganz schwierige Sache, wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, Straßen und Bebauung rückgängig machen. Was dem Wandern aber am meisten im Wege steht, ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Fast alle Wiesen sind mit Gülle oder Biogassubstrat bedeckt, worauf die Schafe nicht fressen und sie so unterwegs kein Futter mehr finden.

Um das Überleben des Berufsstandes zu unterstützen, wäre es notwendig, dass ein Schäfer auch ausrechend Einkommen hat, um seine Familie zu ernähren.

Zum einen besteht sein Einkommen aus dem Verkauf von Lämmern. Da das Lammfleisch jedoch so günstig aus Neuseeland und anderen Ländern zu uns kommt, sind wir gezwungen, unsere Lämmer weit unter einem Preis zu verkaufen, der einen auskömmlichen Lebensunterhalt sichern würde. Hier ist jeder einzelne gefragt, eben nicht nur auf den Preis zu schauen, sondern auch die heimischen Schäfer zu unterstützen. Wer keinen Schäfer vor seiner Haustüre hat, kann inzwischen auch im Internet bestellen unter:

 www.genuss-vom-schaefer.de

Zum anderen bekommen Schäfer Gelder aus der Landschaftspflege, doch auch die sind nicht ausreichend, um mit einem Schäfereibetrieb gut über die Runden zu kommen. Hier ist die Politik gefragt, die Leistungen der Schäfer als agrarökologische Dienstleiter angemessen zu unterstützen. Im Sommer 2018 gab es von Seiten der Schäfer die Forderung nach einer Weidetierprämie. Die wurde jedoch abgelehnt. Jeder Politiker beteuert, wie wichtig die Leistungen der Schäfereien sind, doch von schönen Worten können wir leider keine Rechnungen bezahlen.

Sie berichten in Ihrem Buch von Ihrer Reise nach Rajasthan und dem Besuch bei den indischen Kamelnomaden, den Raika. Wie hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Es war genau das, was ich auf dem Welthirtentreffen 2013 in Nairobi, wo sich Hirten aus aller Welt getroffen haben, auch schon erfahren habe.

Wir Hirten kommen aus verschiedenen Kontinenten, haben verschiedene Hautfarben, verschiedene Kulturen, sprechen andere Sprachen und doch sind wir durch unser Leben als Hirten auf eine ganz einzigartige enge Weise miteinander verbunden.

Als ich in Rajasthan neben Raikas auf dem Feld bei ihren Kamelen saß, frische Kamelmilch aus einem Blatt trinkend, war ich zuhause, es war wie meine Familie, kein Unterschied, so sehr verbindet uns unser Lebensstil miteinander. Wir leben mit den Tieren, von den Tieren und für die Tiere.

Sie waren auch auf Farmen in Australien und Neuseeland im Einsatz. Wie sieht Ihre Einschätzung der Zukunft der Hirten aus? Wie können wir ihre Kulturen und ihre damit verbundenen Leistungen für die Ernährungs-sicherung, die Biodiversität und den Klimaschutz langfristig erhalten?

Langfristig kann das Hirtentum nur erhalten werden, wenn es wertgeschätzt und honoriert wird. Hirten und ihre Herden brauchen den ungehinderten Zugang zu Weideland, den Zugang zu Wasser, ihre Wanderrouten müssen erhalten bleiben. Hirten können mit ihren Herden da weiden, wo das Land anderweitig nicht für die menschliche Ernährung nutzbar ist und sie erzeugen gleichzeitig hochwertiges gesundes Fleisch. Hirten und ihre Herden pflegen die artenreichsten Landschaften und tragen so zur Biodiversität bei. Hirten scheinen ein Relikt aus der Vergangenheit, doch sie sind durch ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ultramodern.

Ruth Häckh

(© Werner Renner)

Bild 1 von 5

(© Werner Renner)

Weiterlesen Interview mit der Schäferin Ruth Häckh

Kriterienkatalog für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung – Wege in die Zukunft der Tierhaltung

Folgende Kriterien halten wir im Hinblick auf eine zukünftige Tierhaltung, die die Bedürfnisse von Menschen, Tieren und Umwelt berücksichtigt, für besonders wichtig:

Idealerweise sind alle diese Kriterien erfüllt, unsere Positivbeispiele können aber auch die teilweise Umsetzung dieser Ziele als einen Schritt/Weg in die richtige Richtung darstellen.

  1.  Bewegung – die Tiere sind nicht im Stall (Ställe nur als Witterungsschutz)
  2. fressen – entweder „Abfall“/Beiprodukte“ oder natürliche Vegetation,
  3.  Haltung im Herdenverband und keine Trennung von Müttern und Kälbern/Lämmern, etc.
  4.  Begrenzter therapeutischer Einsatz von Antibiotika
  5.  Tierhalter/Landwirte/Hirten können von der Tierhaltung eventuell in Kombination mit anderen Angeboten (Gemüseanbau, Urlaub auf dem Bauernhof etc.) ihren Lebensunterhalt sichern.
  6. Mehrnutzungstiere – also solche, bei denen sowohl die männlichen Tiere zur Fleischgewinnung als auch die weiblichen für Milch- oder andere Produktion genutzt werden. Keine reinen Milch- oder Eierrassen.

Von besonderer Bedeutung für eine nachhaltige Ausrichtung der Tierhaltung sind zudem diese ergänzenden Leistungen, die zum Umwelt- und Klimaschutz sowie zum Erhalt der Biodiversität beitragen:

Die Haltung alter, gefährdeter Nutztierrassen

Besondere Naturschutzleistungen z.B. Blühstreifen/ Pflanzenvielfalt im Weide- Auslaufbereich

Beweidung nicht ackerfähiger Areale

Schwalben- und Fledermausfreundliche Höfe etc.

Weiterlesen Kriterienkatalog für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung – Wege in die Zukunft der Tierhaltung